Wenn das Labor selbst forscht

In Self-Driving Labs am KIT entwickeln Forschende neue Technologien für Gesundheit, Mikroelektronik und nachhaltige Energiesysteme

Mit Self-Driving Labs (SDLs) entsteht eine neue Form der Forschung: Autonome Robotik, Künstliche Intelligenz (KI) und menschliche Expertise greifen ineinander und beschleunigen Forschungsprozesse enorm. Damit eröffnen sich der Wissenschaft neue Perspektiven. Das Potenzial für die Gesundheitsforschung ist gewaltig – am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entstanden so beispielsweise künstliche Herzklappen aus dem 3D-Drucker in bislang unerreichter Geschwindigkeit.

Hinter der Glasscheibe ist Bewegung: Ein Roboterarm gleitet zwischen Inkubatoren und Analysegeräten hin und her und setzt Mikrotiterplatten um, in denen Stammzellen zu künstlichem Gewebe reifen. Auf den weißen Gehäusen blinken blaue LEDs. Offensichtlich wird hier rege gearbeitet – zu sehen ist jedoch niemand.

Das Programm, das hier im SDL für Biomaterialien und Gewebe- & Organoidforschung am KIT abläuft, funktioniert nahezu ohne menschliches Zutun. Vernetzte Geräte und digitale Systeme führen eigenständig Experimente durch. KI-Modelle planen und steuern die Abläufe.

„Die Maschine entscheidet, welche Schritte sie als Nächstes ausführt – auf Basis von Daten, die sie zuvor gewonnen, modelliert oder selbst recherchiert hat“, erklärt Professorin Ute Schepers. Sie leitet am Institut für Funktionelle Grenzflächen des KIT die Forschungsgruppe „Chemical Biology of Precision Biomaterials“ und setzt mit einem interdisziplinären Team eine Vision um, die noch vor wenigen Jahren wie Science-Fiction klang: Forschungslabore, die weitgehend autonom arbeiten.

21 Self-Driving Labs am KIT: Mehr Tempo für die Forschung

Die 2025 in Betrieb genommene Anlage im dritten Stock des ZEISS Innovation Hub am Campus Nord ist eines von inzwischen 21 SDLs am KIT. Die Labore sind Teil der Helmholtz Acceleration Alliance HELMA, eines Netzwerks autonomer Forschungsplattformen für Gesundheits-, Energie- und Materialtechnologien. Seit 2020 entstehen in Karlsruhe SDLs in den Forschungsfeldern Gesundheitstechnologien und Biomedizintechnik sowie in der beschleunigten Materialforschung – etwa für nachhaltige Energiesysteme, Katalyse, Mikroelektronik und Computing.

„Wir stehen vor der Herausforderung, dass wir bestehende Materialien durch nachhaltigere Alternativen ersetzen müssen“, so Schepers, „und zwar so schnell, dass die dafür nötige Materialforschung nur mithilfe von Robotik und KI Schritt halten kann. Deshalb sind SDLs von großer Bedeutung.“ Gleichzeitig würden Anwendungen immer komplexer, während die Zahl möglicher Materialkombinationen und experimenteller Varianten wachse. „Der rasante Fortschritt großer KI-Modelle und agentischer KI, die selbstständig planen und handeln kann, liefert nun den entscheidenden Schub“, sagt die Forscherin und hebt die führende Rolle des KIT bei der Entwicklung autonomer Forschungsplattformen hervor. „Das Gerät, das wir für unsere Forschung an Zellkulturen nutzen, gibt es weltweit nur dreimal.“

Nachschub vom Roboter-Bringdienst

Im SDL für Biomaterialien und Gewebe- & Organoidforschung zeigt sich, wie weit die Idee autonomer Forschung fortgeschritten ist: Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler geben lediglich ein Ziel vor, die Maschinen entwickeln eine Strategie und organisieren eigenständig, was sie für die Umsetzung benötigen – etwa Chemikalien. Dafür kommuniziert das System mit seinem digitalen Gegenstück in einem anderen SDL am KIT. Dieses stellt die benötigten Stoffe her und verlädt sie mithilfe von Roboterarmen auf ein autonomes Mini-Kart, das sich ohne menschliches Zutun auf den Weg über den Campus macht. Auf längeren Strecken nimmt es ein selbstfahrender Shuttlebus huckepack. Perspektivisch sollen auch Drohnen Transporte übernehmen.

Im digitalen „Gehirn“ eines SDLs laufen komplexe Schleifen aus Simulationen und Datenauswertung ab. Die KI bewertet Ergebnisse, schlägt Materialkombinationen vor und startet Experimentreihen. Erweist sich ein Material als ungeeignet, beginnt die Maschine von vorn – viel schneller und systematischer als ein Mensch, da sie Hunderte Varianten gleichzeitig simuliert und testet. 

Portraitbild von Ute Schepers im Labor. Markus Breig, KIT
Professorin Ute Schepers arbeitet mit ihrem interdisziplinären Team an weitgehend autonom forschenden Laboren.
In einem Glaskasten arbeitet eine Maschine an Probenbehältern. KIT
In SDLs können Maschinen eine Strategie entwickeln und sich beispielsweise eigenständig mit den benötigten Chemikalien versorgen.
Eine Forscherin arbeitet im Labor. KIT
„Human in the Loop“: Die Verifizierung durch Menschen spielt im Forschungsprozess der SDLs eine entscheidende Rolle.

Herzklappen aus dem 3D-Drucker

Auf diese Weise entwickelte das Team von Schepers winzige Herzklappen für Babys mit schweren Herzfehlern, die es per 3D-Biodruck herstellen kann. Grundlage ist ein biotechnologisch erzeugtes kollagenähnliches Material, das im SDL so modifiziert wurde, dass es stabil druckbar ist. Die künstlichen Herzklappen, die sich noch in der Patentphase befinden, sollen später mit dem Gewebe der Kinder mitwachsen. „Früher hätte man für eine solche Entwicklung eine ganze Doktorarbeit gebraucht“, sagt Schepers. „Jetzt gelingen uns zentrale Schritte innerhalb von Monaten.“

Menschliche Verifizierung und eine neue Rolle

Trotz aller technischen Möglichkeiten bleibt der Grundsatz: „Human in the Loop“. Es ist genau definiert, an welchen Stellen Forschende in die Prozesse eingreifen. „Das autonome System legt vor und wir verifizieren die Ergebnisse, um zu verhindern, dass es falsch abbiegt“, sagt Schepers. Eine wichtige Rolle spielen sogenannte Explainable AI- und Trustworthy AI-Modelle, deren Entscheidungen nachvollziehbar bleiben.

Die Rolle der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verändert sich dadurch grundlegend. Statt stundenlang selbst zu pipettieren, verlagert sich die Arbeit auf Konzeption, Programmierung und Prozesssteuerung. „Und das macht meinem Team großen Spaß“, sagt Schepers, die betont: „Die Systeme treffen mitunter ganz andere Entscheidungen als wir und entdecken Zusammenhänge, auf die wir vielleicht nie gekommen wären. Vielleicht dringen wir so in neue Sphären der Forschung vor, über die wir heute noch gar nicht nachdenken.“

Christoph Karcher, 06.07.2026