Vom Hörsaal in den OP

KIT-Studierende erleben am Städtischen Klinikum Karlsruhe Medizintechnik in der Neurochirurgie

Um 07:30 Uhr an einem Dienstag im Mai hat der Arbeitstag von Professor Uwe Spetzger, Direktor der Neurochirurgischen Klinik am Städtischen Klinikum Karlsruhe, längst begonnen. Visite und OP-Vorbesprechung liegen schon routiniert hinter ihm. Doch wie jeder andere Arbeitstag ist dieser nicht. Auch für 15 Studierende des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) beginnt dieser Tag ungewöhnlich – denn sie werden heute die Operation eines Gehirntumors erleben.

Die Zusammenarbeit von Spetzger mit dem KIT ist eng. Seit 18 Jahren ist der Neurochirurg Honorarprofessor am Institut für Anthropomatik und Robotik des KIT und hält jedes Semester, üblicherweise nach einer morgendlichen OP, die Vorlesung „Einführung Gehirn und Zentrales Nervensystem“. „In der Regel beginnen wir pünktlich, aber sollte mal ein Notfall dazwischenkommen, geht das natürlich vor“, so Spetzger. In der hinteren Reihe murmelt ein Student: „Dozent und Neurochirurg – ist das nicht ziemlich stressig?“ 

Medizintechnik, Informatik, Materialwissenschaft, Physik, Mathematik – Studierende aus unterschiedlichsten Studiengängen sitzen in dem vollen Hörsaal mit 70er-Jahre-Charme. „Sie werden hier nicht als Medizinstudentinnen und -studenten entlassen, aber Sie sollten etwas über die Anatomie des Gehirns und das Nervensystem lernen“, sagt Spetzger zu den Zuhörenden. Masterstudierende des Fachs „Biomedical Engineering“ haben die Chance, die technischen Systeme, die sie aus der Theorie und dem Labor kennen, in der Praxis zu erleben – im OP-Saal von Spetzger.

„Die Neurochirurgie ist eine Hightech-Disziplin. Ich möchte den Studierenden diese Technik in der Realität nahebringen. Wir erleben in Zusammenarbeit mit großen MedTech-Firmen, dass gelegentlich Technologien entwickelt werden, die fernab der Realität sind und in der Praxis nicht funktionieren. Daher ist es wichtig, die Studierenden früh einzubinden“, so Spetzger.

Vorbereitung ist das A und O

Diese Möglichkeit hat die Gruppe Studierender, die sich im Mai vor dem Sekretariat der Neurochirurgischen Klinik trifft. Sanne, Masterstudentin in Elektrotechnik mit Schwerpunkt Biomedizinische Technik, war bereits im vergangenen Wintersemester bei einer OP dabei: „Beim letzten Mal wurde ein Patient mit einem Tumor an der Hypophyse mit Zugang über die Nase operiert. Dieses Mal sehen wir, wie der Schädel geöffnet wird – das wird super spannend!“

Bevor es in den OP-Saal geht, bespricht Spetzger den Fall mit der Gruppe in der neurochirurgischen Bibliothek. Dort ist gerade so viel Platz, dass alle sitzen können. Die Blicke sind auf den großen Bildschirm gerichtet, der zahlreiche radiologische Bilder zeigt. Dr. Till Brombach, Oberarzt der Neurochirurgie im Karlsruher Neurozentrum, stellt den Fall vor: Die Patientin ist 80 Jahre alt, der Hirntumor liegt vor dem motorischen Zentrum, wächst schnell und ist sehr wahrscheinlich bösartig. Ohne OP würde die Frau in wenigen Wochen versterben. Bei dieser Diagnose wird es erst einmal still im Raum.

„Damit wir im OP genau wissen, wo wir uns befinden, arbeiten wir mit MRT-Datensätzen, welche die feinen Strukturen des Gehirns sichtbar machen. Zusätzlich haben wir CT-Aufnahmen, aus denen sich vor allem die knöchernen Orientierungspunkte ablesen lassen. Aus beiden Datensätzen generieren wir ein 3D-Modell, in dem wichtige Bereiche markiert sind – eine Art Navigationskarte, die den Eingriff schneller und präziser macht.“ Uwe Spetzger lehnt sich im Hintergrund an einen Schrank und ergänzt: „Die exakte Planung und intraoperative Navigation ist das A und O in der Neurochirurgie. Die Navigationspunkte bei einer chirurgischen Öffnung des Schädels müssen so präzise wie möglich sein, damit so wenig gesundes Hirngewebe durchtrennt wird wie möglich.“

Bevor es in den OP geht, gibt er noch eine kurze Einweisung: „Ihr könnt nicht viel falsch machen – einfach nichts anfassen und nichts unsteril machen. Und wer sich nicht gut fühlt, setzt sich einfach auf den Boden, denn das reduziert die Fallhöhe. Es gibt zwar keinen besseren Ort, um ohnmächtig zu werden und auf den Kopf zu stürzen, als im Neurochirurgischen OP, aber es geht stets um die Risikominimierung.“ Und damit geht es Richtung OP-Saal, zunächst in die Umkleideschleuse.

Millimetergenaue Navigation

In grüner OP-Kleidung, mit OP-Haube, Maske und desinfizierten Händen dürfen alle in den Bereich, den nicht-medizinisches Personal eigentlich nie betritt. Die Patientin liegt bereits in Narkose im OP-Saal, während bei der Vorbereitung jeder Handgriff routiniert sitzt. Da der Platz begrenzt ist, werden die Studierenden in zwei Gruppen geteilt – eine Gruppe steht im OP, während die andere durch eine große Glasscheibe das Geschehen beobachtet.

Brombach erklärt, wie der Kopf in einer Halterung fixiert wird. Daran ist der Referenzierungsstern angebracht, der dem Navigationssystem ständig Informationen über die Position des Kopfes liefert. So können die Inzisionspunkte präzise festgelegt werden und auch während der Operation dient das System zur Orientierung.

Die Technik kennen die Studierenden bereits aus einem Lehrmodul von Professorin Francesca Spadea, Leiterin des Instituts für Biomedizinische Technik des KIT, die an dem Tag auch im OP dabei ist. Die Studierenden mussten in dem Modul selbst ein eigenes Navigationssystem programmieren. Anhand von MRT- und CT-Daten bestimmten sie die Position eines Tumors – eine vereinfachte Version des Systems, das nun hochpräzise im OP zum Einsatz kommt.

Präzisionsarbeit am pulsierenden Gehirn

Nach langer Vorbereitung geht es dann ganz schnell: der erste Schnitt, die Haut wird geöffnet, drei kleine Löcher gebohrt und ein rundlicher Teil des Schädels herausgesägt. Spetzger positioniert das Operationsmikroskop über dem Kopf der Patientin und nachdem er die Hirnhaut öffnet, sehen die Studierenden auf dem Bildschirm das pulsierende Gehirn. Niemand wird ohnmächtig – und Spetzger beginnt vorsichtig, das Tumorgewebe zu entfernen. Immer wieder setzt er eine kleine Ultraschallsonde direkt auf das Gehirn. Auf dem Bildschirm entsteht in Echtzeit ein neues Bild, das zeigt, wie weit der Eingriff bereits fortgeschritten ist. Denn das Gehirn verändert sich während der Operation, verschiebt sich leicht – und mit ihm die Orientierung.

Währenddessen erklärt Brombach Schritt für Schritt, was passiert. Ein Student fragt: „Woran erkennt man während des Entfernens, was Tumor- und was gesundes Gewebe ist?“ Brombach antwortet: „Tumorgewebe unterscheidet sich häufig in Farbe, Konsistenz und Durchblutung, aber die Grenzen sind selten scharf. Deshalb brauchen wir neben der Erfahrung des Chirurgen zusätzlich das Navigationssystem und den Ultraschall.“

Zweiteiliges Porträt von Uwe Spetzger als Dozent im Hörsaal und als Chirurg in OP-Kleidung. Cynthia Ruf / Magali Hauser, KIT
Doppelrolle: Uwe Spetzger ist Dozent am KIT und leitet die Neurochirurgische Klinik am Städtischen Klinikum Karlsruhe.
Ein Stundent mit einer Spezialbrille. Magali Hauser, KIT
Studierende des KIT erleben die Technik, die sie aus den Vorlesungen kennen, im Städtischen Klinikum aus erster Hand.
Chirurg zeigt auf eine 3D-Rekonstruktion eines menschlichen Schädels auf einem medizinischen Monitor. Magali Hauser, KIT
Ein 3D-Modell dient während der Operation als eine Art Navigationskarte.
Eine Gruppe von Studierenden in grüner OP-Kleidung verfolgt die Operation. Magali Hauser, KIT
Als Zuschauerinnen und Zuschauer in der ersten Reihe verfolgen die Studierenden eine Operation am Gehirn.

Während der OP wird eine Gewebeprobe ins Labor geschickt. Später bestätigt sich die Vermutung, dass es sich bei dem Tumor um ein Glioblastom handelt. Das bösartige Gewebe wächst diffus im Gehirn und lässt sich nicht vollständig entfernen. „Nach der OP muss der Tumor zusätzlich bestrahlt werden. Ich denke, wir können der Patientin damit einige weitere Lebensjahre ermöglichen“, sagt Brombach.

Stress, der sich auszahlt

Nach ungefähr zwei Stunden ist der Tumor entfernt: „Seht ihr das? Der Tumor war größer als mein Daumen“, zeigt Spetzger zur Veranschaulichung. Während er seinen OP-Kittel auszieht, beantwortet er viele weitere Fragen. Die Studierenden bedanken sich für die außergewöhnliche Gelegenheit, bevor sie den OP-Saal verlassen und zu ihrem Alltag zurückkehren.

Auf die Frage des Studenten in der Vorlesung, ob sein Job als Chirurg und Dozent stressig sei, entgegnet Spetzger lachend: „Für mich ist das positiver Stress. Ich kenne ehemalige Studierende, die vor sechs Jahren in meiner Vorlesung saßen und jetzt bei großen Medizintechnikunternehmen arbeiten. Das ist das schönste Feedback.“

Leonie Kroll, 06.08.2026

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