Der Gründungsboom ist hausgemacht
Die wirtschaftliche Lage in Deutschland ist verhalten. Umso überraschender ist der Blick auf die Gründungszahlen: Allein im letzten Jahr gab es mehr als 3 500 neue Start-ups. So viele wie nie zuvor. Trotz Inflation, Zinsdruck und globaler Unsicherheit.
Dieser Trend zeigt: Gründen hängt nicht nur von guter Konjunktur ab. Wer gründet, will Probleme lösen, Wirkung erzielen und Wissen in die Praxis bringen. Dass dieser Mut gerade jetzt wächst, unterstreicht die Dynamik des Standorts Deutschland und der Orte, an denen solche Ideen besonders gut gedeihen.
Start-ups sind am KIT fest verankert
Das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) zählt seit Jahren zu den Universitäten in Deutschland, an denen besonders viele technologieorientierte Start-ups entstehen. Es hat sich vom Forschungsstandort zu einem lebendigen Umfeld für Gründungen entwickelt. „In den vergangenen zehn Jahren sind aus dem KIT über 500 Ausgründungen hervorgegangen“, sagt Thomas Neumann, Leiter der KIT-Gründerschmiede. Jedes Jahr entscheiden sich mehr als 50 Teams für eine Gründung, Tendenz steigend.
Diese Entwicklung ist kein Zufall. Eine forschungsnahe Infrastruktur, Zugang zu Hightech-Laboren, frühe Kontakte zu Industrie und Wirtschaft sowie ein eng geknüpftes Netzwerk rund um Gründung und Transfer bilden dafür die Basis. Die KIT-Gründerschmiede verbindet Wissenschaft mit Unternehmertum und begleitet Gründungsteams genau an der Stelle, an der viele sonst stecken bleiben: beim Schritt aus dem Labor in die Praxis. „Unsere Aufgabe ist dabei nicht, Unternehmen zu gründen, sondern Menschen dabei zu unterstützen und zu begleiten“, sagt Neumann.

Ausgabe 01/2026 des Forschungsmagazins lookKIT wirft einen Blick auf den Transfer von der Forschung hin zur Anwendung.
Zum MagazinVertrauen und Raum, um Risiken einzugehen
So wie bei Dr. Iris Schwenk. Sie hat Physik am KIT studiert und 2017 zusammen mit drei Mitstreitern aus ihrer Arbeitsgruppe das Unternehmen HQS Quantum Simulations gegründet. „Wir wollten nicht nur als Grundlagenforschende am Rand des Geschehens stehen, sondern wirklich dabei sein, wenn der Quantencomputer in die Anwendung kommt“, so Schwenk.
Der entscheidende Punkt war dabei weniger eine perfekte Geschäftsidee als vielmehr ein Umfeld, das Raum für Experimente bot – ergänzt durch den Austausch mit anderen Gründenden und erste Industrieprojekte, unter anderem mit BASF und Bosch. Dass die Deep-Tech-Gründung ihres Unternehmens gelungen ist, führt Schwenk auch auf die Rahmenbedingungen am KIT zurück. Sie betont, dass die Infrastruktur und die Unterstützung der KIT-Gründerschmiede das Vertrauen und den Raum schaffen, um Risiken einzugehen. Heute, gut acht Jahre später, arbeiten bei HQS über 40 Mitarbeitende auf rund 800 Quadratmetern Bürofläche in Karlsruhe.
Der ursprüngliche Fokus auf reine Quantencomputing-Anwendungen hat sich inzwischen verschoben. „Wir haben festgestellt, dass wir Probleme in der Industrie auch ohne Quantencomputer lösen können“, erklärt Schwenk. Aus der Arbeit an Quantencomputern entwickelten die Forschenden eine quanteninspirierte Software, die auch auf klassischen Rechnern läuft und sich für Chemie, Pharmaindustrie und Materialforschung eignet.
Passende Wege öffnen
„Damit aus der reinen Forschung tatsächlich ein Produkt oder ein Unternehmen entsteht, braucht es mehr als eine gute Idee“, weiß Neumann. Damit eine Idee den Weg aus der Universität in die Wirtschaft findet, brauche es einen Fahrplan, fachliche Beratung und passende Konstellationen. Manche Ideen führen zu Start-ups, andere zu Kooperationen mit Unternehmen oder zu neuen Anwendungsfeldern. Teams würden in der KIT-Gründerschmiede lernen, ihre Gründungsidee einzuordnen, Stärken zu erkennen und Lücken offen anzusprechen. „Unterstützung heißt bei uns nicht, alles vorzugeben, sondern passende Wege zu öffnen“, so Neumann.
Die KIT-Gründerschmiede wirkt dabei längst über Karlsruhe hinaus. Sie ist Teil des regionalen DeepTechHub und engagiert sich in der NXTGN Startup Factory. Dort arbeiten Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Partner aus der Wirtschaft zusammen, um technologiegetriebene Ideen schneller auf den Markt zu bringen. Die Plattform entstand durch den exist Wettbewerb Startup Factories der Bundesregierung und vernetzt Beteiligte aus Wissenschaft, Industrie und Gründung miteinander. So erweitert sich das Umfeld, in dem Gründungen entstehen und wachsen können.
Umfassende Begleitung
Die Zahlen, die Strukturen und die Erfahrungen machen deutlich, warum Gründungen am KIT kein Zufallsprodukt sind. Forschung, Transfer und Unternehmertum greifen hier ineinander. Viele Unternehmen bleiben fachlich angebunden oder engagieren sich selbst als Mentorinnen und Mentoren. „Wir haben Kontakt zu Arbeitsgruppen und schreiben auch Forschungsanträge zusammen mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern vom KIT“, freut sich Schwenk. So entsteht ein Kreislauf, in dem Know-how zurückfließt und innovative Ideen wachsen.
Wo Forschung, Infrastruktur und Unterstützung zusammenkommen, öffnen sich neue Möglichkeiten, selbst wenn die äußeren Rahmenbedingungen schwierig sind. Für Thomas Neumann ist genau das der Kern des Modells: „Wir sind nicht das einzige Rad im System, sondern Teil eines größeren Ökosystems, das nur dann funktioniert, wenn alle Räder ineinandergreifen.“
Martin Grolms, 24.03.2026


