Griechenland in der Schuldenfalle – Gefahr für den Euro?

Professor Kowalski im Gespräch mit der KIT-Internetredaktion
Professor Dr. Jan Kowalski

>> Herr Professor Kowalski, die Ratingagentur Standard & Poor’s hat das Rating für griechische Staatsanleihen auf so genanntes Ramschniveau gesenkt, auch Portugals Kreditwürdigkeit wurde herabgestuft. Wie kommen die Agenturen zu ihren Bewertungen und welches Gewicht hat ihr Urteil?

Ratingagenturen sind im Prinzip solide Unternehmen. Sie kommen zu solchen Ratings nicht aufgrund von „weichen“ Analysen, dahinter stehen schon harte Faktoren.

Betrachtet man die statistischen Daten über die Verschuldung sowie die Relationen zwischen Verschuldung und Sozialprodukt in einigen Ländern, dann ist die Herabstufung ihrer Kreditwürdigkeit schon begründet.

Auch psychologische Faktoren spielen dabei eine Rolle: Die Ratingagenturen analysieren natürlich nicht nur objektive statistische Daten, sondern beziehen in die Bewertung der Zahlungsfähigkeit verschiedener Länder auch Risiken mit ein, die aufgrund psychologischer Wellen entstehen.

Zur aktuellen Bewertung von Spanien, Portugal, Griechenland durch die Ratingagenturen kann man sagen, dass auch andere Länder, die jetzt nicht genannt werden, aufgrund der harten statistischen Daten Kandidaten für eine Herabstufung sind. Der psychologische Effekt ist hier, dass gerade diese drei Länder ausgewählt sind.

 

>> Schlechte Nachrichten kommen auch aus Spanien, Irland und Italien. Ist die Eurozone in Gefahr?

Meine persönliche Meinung ist: Grundsätzlich nein. Zunächst einmal ist Griechenland im Gesamtgefüge der Europäischen Union und der Eurozone ein sehr kleines Land.

Zweitens glaube ich, dass die Kernländer der Eurozone, obwohl auch sie verschuldet sind, sehr gut strukturierte und funktionierende Volkswirtschaften haben und unsere ganze Entwicklung nicht wirklich entgleisen wird.

Nur wenn die Wirtschaftsentwicklung in der Eurozone schief geht, werden auch der Euro als Währung und die Eurozone als Konstrukt ernsthaft gefährdet.

 

>> Gerade hierzulande werden Forderungen laut, neben IWF und EU auch private Gläubiger an der Rettung Griechenlands zu beteiligen, weil diese von hohen Zinsen für griechische Anleihen profitiert haben. Halten Sie das für praktikabel?

Kurzfristig halte ich es nicht für praktikabel, dass auch private Wirtschaftsobjekte wie Banken finanziell in die Verantwortung für die Wirtschaftskrise hineingezogen werden. Der gesamte Finanzsektor ist noch relativ „wund“ nach der Finanzkrise und es ist tatsächlich so, dass wir ihn noch instabiler machen würden.

Mittelfristig geht kein Weg daran vorbei, denn ich glaube, dass die Gläubiger sich darauf einstellen müssen, dass sie ihre Gelder nicht voll zurückbekommen.

 

>> Deutsche Boulevardmedien machen gegen die deutsche Beteiligung am Rettungspaket heftig Stimmung. Warum sollte Deutschland vor dem Hintergrund hoher eigener Staatsverschuldung Griechenland denn überhaupt helfen?

Die deutsche Volkswirtschaft ist sehr stark auf die Außenwirtschaft angewiesen, diese wiederum auf die Funktionstüchtigkeit des Euro und unsere Beziehungen innerhalb der Eurozone und der Eurozone nach außen. Insgesamt ist in der Bundesrepublik jeder dritte Arbeitsplatz von der Außenwirtschaft abhängig.

Ungefähr 70 Prozent der deutschen Exporte gehen in die Europäische Union – sowohl auf dem Binnenmarkt als auch beim Außenhandel ist somit die Funktionsfähigkeit des Euro für uns wichtig. Deshalb sehe ich es als Verpflichtung der Bundesrepublik Deutschland, an der Lösung der Turbulenzen in der Eurozone mitzuwirken.

 

>> In den EU-Nachbarstaaten wird der Vorwurf laut, Bundeskanzlerin Angela Merkel habe mit ihrer zögerlichen Haltung die Krise verschärft. Teilen Sie diese Einschätzung?

Ich nehme die Kanzlerin in Schutz. Es ist nun einmal so: Die Griechen haben „gesündigt“. Auch wenn wir alle wissen, dass die Schnelligkeit der Reaktion auf die griechische Krise sehr wichtig ist, muss den Griechen klargemacht werden, dass es keinen Blankoscheck gibt und gewisse Voraussetzungen erfüllt werden müssen, bevor wir helfen.

Ein wichtiger Punkt ist auch, dass parlamentarische Demokratien es in solchen Situationen sehr schwierig haben: Die Wähler bestrafen Politiker, die harte Zeiten ankündigen und durchsetzen wollen.

Es ist für die griechische Regierung vielleicht sogar eine Hilfe, wenn unser Hilfspaket zögerlich kommt, weil es für sie dann leichter ist, ihre Wähler, ihre Bevölkerung zu überzeugen: „Das ist der Ernstfall, wir müssen uns verändern, weil wir sonst keine Hilfe bekommen.“

 

>> Könnte Griechenland aus der Eurozone ausgeschlossen werden?

Es ist sehr schwer, wenn nicht juristisch unmöglich, ein Mitgliedsland aus der Eurozone auszuschließen, ob vorübergehend oder gar für immer. Nach meinem Kenntnisstand kann ein Land die Europäische Union und damit die Eurozone seit dem Lissabon-Vertrag grundsätzlich verlassen.

Nur aus der Euro-Konstruktion auszuscheiden sieht der Vertrag über die Währungsunion nicht vor. Die Frage, ob die Griechen freiwillig austreten können, ist juristisch nicht klar. Wenn ein souveräner Staat das möchte, ist es schwer ihn davon abzuhalten. Aber aus juristischer Perspektive ist das sehr schwer oder sogar unmöglich.

 

>> Was ist Ihrer Meinung nach das wahrscheinlichste Szenario für den weiteren Verlauf der Krise?

Ich bin kein Prophet, aber meine persönliche Einschätzung ist, dass die Krise in drei Monaten überwunden sein wird – in dem Sinne, dass wir Arrangements für die zeitliche Streckung der Rückzahlungen haben und den Griechen für ihre Zahlungsfähigkeit entsprechende Hilfen bereitstellen. Meine optimistische Einschätzung lautet daher, dass uns in drei Monaten eine andere Top-Story beschäftigen wird.

Ich kann mich aber auch irren – ich gehöre zu den vorsichtigen Anhängern der Konspirationstheorie: Ich kann mir vorstellen, dass es eine gut organisierte Aktion einiger sehr mächtiger Hedgefonds ist, die bekanntlich gegen den Euro und zugunsten des Dollars Wetten abgeschlossen haben und eventuell Hand in Hand mit den Ratingagenturen arbeiten. Ich habe keine Beweise, aber aufgrund meiner Erfahrung mit der Wirtschaftspolitik und dem Wirtschaftsleben würde ich das nicht vollkommen ausschließen.

 

 (Die Fragen stellten Tu-Mai Pham-Huu und Denis Elbl)