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Das Energiesystem aus Nutzersicht

Helmholtz-Allianz ENERGY-TRANS belegt Bedeutung partizipativer Verfahren – Policy Briefs: Empfehlungen an die Politik
Collage neuer Energiesysteme von ENERGY-TRANS
Neue Rollen und Akteure des künftigen Energiesystems waren ein Schwerpunkt von ENERGY-TRANS (Collage: ENERGY-TRANS)
Das Energiesystem aus Nutzersicht
Den Verbrauch im Blick: Haushalte benötigen nutzerfreundliche Angebote, um Energie zu sparen. (Foto: Andreas Drollinger)

Privathaushalte werden zu Stromproduzenten, die Einbindung erneuerbarer Energien braucht neue Organisationsprinzipien, Landschaften verändern sich: Die Energiewende bringt vielschichtige Änderungen für die Gesellschaft mit sich. Die Herausforderungen – aus Sicht der Bürger und Nutzer – standen im Mittelpunkt der Helmholtz-Allianz ENERGY-TRANS, die das KIT in den vergangenen fünf Jahren koordinierte.

Das Forscherteam hat unter anderem gezeigt: Frühe und kompetent durchgeführte Verfahren der Bürgerbeteiligung tragen wesentlich zur Akzeptanz beispielsweise neuer Infrastrukturprojekte bei. Ihre Ergebnisse hat die Allianz bei der Abschlusstagung in Berlin vorgestellt und in Empfehlungen an die Politik formuliert.

Energiewende ist mehr als der Ersatz von alter durch neue Technologie

„Die Energiewende ist nicht nur eine technische Herausforderung, sondern auch ein gesellschaftlicher Prozess, den Politik und Wissenschaft gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern gestalten müssen“, sagt Professor Holger Hanselka, Präsident des KIT und Vizepräsident der Helmholtz-Gemeinschaft für den Forschungsbereich Energie. „ENERGY-TRANS hat hier eine neue, nutzer- und bedarfsorientierte Perspektive eingebracht und unter anderem gezeigt, dass partizipative Verfahren maßgeblich zur Akzeptanz von Maßnahmen und damit zum Gelingen der Energiewende beitragen.“

Dass die Energiewende eine gesellschaftliche Aufgabe ist, zeigt sich auch in Protesten gegen neue Hochspannungstrassen, in Diskussionen um die Umweltauswirkungen von Windparks oder in Vorbehalten gegenüber der Elektromobilität. „Mehr als deutlich hat sich unsere Ausgangsvermutung bestätigt, dass die Energiewende mehr ist als der Ersatz von alter durch neue Technologie. Sie ist eine gesellschaftliche Transformation, die viele Lebensbereiche betrifft“, sagt Professor Armin Grunwald, Leiter des Instituts für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) des KIT und einer der beiden Sprecher des Forschungsverbundes.

Über einen Zeitraum von fünf Jahren untersuchte die vom ITAS koordinierte Allianz das Energiesystem vor allem von der Bedarfs- und Nutzerseite. Vier Helmholtz-Zentren, vier Universitäten und das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung waren an dem Verbund beteiligt. Die Partner analysierten die vielfältigen Schnittstellen zwischen technischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Faktoren, die den Umbauprozess hin zu neuen Infrastrukturen bestimmen.

Partizipation: die Energiewende als gesellschaftlicher Prozess

„Die Energiewende wird häufig als ein technisches Projekt verstanden, bei dem die bestehende nukleare und fossile Energieerzeugung durch erneuerbare Energiequellen ausgetauscht werden soll. Aber sie ist vielmehr als das: Sie ist eine gesellschaftliche Transformation, die Konsum, Produktion und die Art, wie unsere Gesellschaft politische Entscheidungen trifft, nachhaltig prägen wird“, betont der Soziologe Ortwin Renn, Professor an der Universität Stuttgart und zweiter Sprecher der Allianz. „Ohne neue und effektive Formen der aktiven Beteiligung der Bürgerschaft an der Umsetzung der Energiewende wird es nicht gehen“.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler konnten belegen, dass Anwohner Entscheidungen über Infrastrukturprojekte eher mittragen, wenn intensive partizipative Verfahren vorgeschaltet werden. In der Regel können Projekte wie neue Stromtrassen oder Wind- und Solarparks von der speziellen Expertise der Bürger vor Ort sogar profitieren, wenn diese sich „emotional mit einem Infrastrukturprojekt identifizieren und seinen Stellenwert für die weitere Entwicklung des örtlichen Umfeldes erfassen“, so die Wissenschaftler in einem „Policy Brief“, einer Kurzdarstellung ihrer Ergebnisse als Handlungsempfehlung an die Politik.

Der „Prosument“: eine neue Rolle im Energiesystem

„Waren Bürgerinnen und Bürger bislang hauptsächlich Energiekonsumenten, so sind nun viele von der ökologischen Umgestaltung des Energiebereichs gleich in doppelter Hinsicht betroffen“, so Projektkoordinator Jens Schippl vom ITAS. Neben der angemessenen Einbindung von Menschen in die Planung neuer Infrastrukturen sind sie als aktive Konsumenten gefordert, selbst zum Gelingen der Energiewende beizutragen. So stand der „Prosument“, der als Kombination aus Produzent und Konsument etwa mit Solarenergie den Eigenbedarf deckt und gleichzeitig ins Netz Strom einspeist, im Vordergrund der Untersuchungen.

Smart Meter, Smart Home: intelligente Helfer beim Stromsparen

In einem Feldversuch in Kooperation mit den Stadtwerken Heidelberg Energie GmbH und der Trianel GmbH haben die Forscherinnen und Forscher Haushalte in einem Heidelberger Neubaugebiet mit intelligenten Stromzählern (Smart Meter) und Haushaltsgeräten (Smart-Home-Geräte) ausgestattet. Die Geräte wurden mit einem von der Universität Stuttgart entwickelten Smart-Meter-Webportal kombiniert. „Es zeigte sich, dass ein System, das nicht nur Möglichkeiten bietet, den Stromverbrauch detailliert zu analysieren, sondern die Konsumenten vielseitig dabei unterstützt, Strom im Alltag effizient zu nutzen, zu einer deutlichen Stromeinsparung in den Haushalten führen kann“, sagt Birgit Mack, die das Teilprojekt an der Universität Stuttgart leitete.

Instrumente zur Steuerung der Energiewende

Ziel von ENERGY-TRANS ist auch die sinnvolle Weiterentwicklung politischer Rahmenbedingungen für die deutsche Energiewende. So war ein zentrales Thema die Strommarktreform, die, vorgeschlagen vom Bundeswirtschaftsministerium, gegenwärtig im Bundestag diskutiert wird. Die Wissenschaftler sprechen sich gegen zusätzliche Kapazitätszahlungen an die Betreiber von fossilen Reservekraftwerken aus: Einmal eingeführt wären sie nur schwer wieder zurückzunehmen.

Um die schwankende Stromerzeugung aus Wind- und Sonnenenergie auszugleichen, empfehlen sie stattdessen einen breiten Instrumentenmix: Dieser muss den bestehenden Strommarkt stärken, Anreize für das bedarfsgerechte Einspeisen von Strom aus erneuerbaren Quellen schaffen und den Ausbau von Netzen, Speichern und Nachfragemanagement vorantreiben. „Ein solches Maßnahmenportfolio könnte die Stromversorgung zu geringeren volkswirtschaftlichen Kosten sichern und dabei auch Erfordernisse von Umwelt- und Sozialverträglichkeit berücksichtigen“, unterstreichen Paul Lehmann vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig und Dörte Ohlhorst von der Freien Universität Berlin.

Erneuerbare und E-Mobilität: Kommunikation als Erfolgsfaktor

Auch die Bereitschaft zu Investitionen in Erneuerbare Energien und Elektromobilität hat die Allianz untersucht: „Soziale Netzwerke, Sichtbarkeit und Kommunikation über diese Neuerungen haben weit mehr Bedeutung als allgemein angenommen. Man kann die Verbreitung von technischen Innovationen daher nicht nur durch Anreizprogramme fördern, sondern sollte auch die Vernetzung und Kommunikation der Akteure gezielt unterstützen und begleiten“, so die Umweltpsychologin Ellen Matthies von der Universität Magdeburg.

Details zum KIT-Zentrum Energie

Weitere Informationen in der Pressemitteilung 037/2016


jm, le, 15.03.2016